benedikt steiner

dichtung in sprache, bild & raum

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26.9.22
nun wird das licht fahl, schräg aber klar
die wolken sich türmen, die blätter sich fallend
färben
nun wird der himmel weit die stadt groß und fremd beginnt eine neue zeit –
neujahrsfest mitten im herbst
nun bricht der sommer entzwei, ist frühling fern und dennoch aufbruch
durch ein tal voller wälder
fühlt es sich an wie fels

nun kommen die düfte zurück, säumen platanen alleen in ganz europa

nun treten die architektonischen formen wieder auf
nun folgt blauer himmel auf nasskalte morgen, gehen die leute
als führten sie ein anderes leben

nun dunkelt der flieder fern
ist bereits ein rascheln am grund

25.9.22
„uns so verhalten, als hätte es eine bedeutung, als gäbe es prinzipien und normen, als existierte ein erlösendes und rettendes gutes, das unserem handeln einen sinn verleiht.“
(olga tokarczuk: übungen im fremdsein, s. 61)

20.9.22
die enorme sachlichkeit dieser wolken, frühabends (mitte september): hoch getürmt von grau bis weiß schattiert. kohleöfen in der kalten luft, klare sicht nach einem regentag mitten in die bewegung des dämmers hineinrollen. noch hell der abend, wie in einer anderen stadt. irgendwo, selbstvergessen in den hallen des herbsts; so hoch dieser himmel auf einmal – offen; nach oben offen und weit in jede richtung

19.9.22
„aufbrechen aber nicht in sicheres fliehen.“ (jürgen becker: felder, s. 137)

14.9.22
„er entwirft zugleich ein gegenbild dazu, einen ausweg sowohl aus dem mangel wie aus dem überfluss: die kunst.“ (oskar roehler: der mangel, klappentext)

11.9.22
einer dieser
sonnigen samstagvormittage im september, wenn das licht bereits anders und die luft klar; der wind. herbstliche fülle am bauernmarkt mitten in der großen stadt. das leben von außerhalb einen tag lang zu gast, erntezeit. tauschgeschäft direktverkauf; erdig hand in hand. momentlang: sehnen nach einem ort, an dem ich nie war und den ich trotzdem kenne; momentlang geborgen. kaufe einen bund blumen apfelsaft trauben. da und dort ein kurzes gespräch. alles zugegen, ich umwoben, fern und nah zugleich –

4.9.22
„jede tat ist ihr eigenes denkmal.“ (viktor frankl)

2.9.22
in einem artikel der taz über den dichter jürgen becker bin ich auf zwei äußerst treffende bemerkungen gestoßen, die ich auch als sehr zentral für mein dichterisches arbeiten betrachte:

„charakteristisch für becker ist, dass die schrift immer in zusammenhang mit sinnlichen reizen steht. seine gedichte haben visuelle oder akustische auslöser, und in dem jeweiligen augenblick konstituiert sich das konkrete schreibende ich neu.“ (https://taz.de/gesammelte-gedichte-von-juergen-becker/!5863781/)

„immer wieder ist es jürgen becker gelungen, sich vom schweigen zu trennen, wie er es selbst sagt. und es ist eine große kunst – dieser dichter hat es konsequent bis in die gegenwart fortgeführt –, nicht sprachlos gemacht zu sein von den verstörungen, die der geräuschfilm der realität im kopf hinterlässt.“ (https://taz.de/gesammelte-gedichte-von-juergen-becker/!5863781/)